Ergebnisse der Leuphana Untersuchung zu Work Life Balance

Zum Ende letzten Jahres hatte ich die Möglichkeit vor 26 Masterstudenten des MBA-Studiums für Performance Management der Leuphana Universität das Superheldentraining zu präsentieren. Die meisten Studierenden machen den MBA berufsbegleitend und kommen aus den Bereichen der Wirtschaftspsychologie, Organisations- und Personalentwicklung und dem Management. Insgesamt haben sich sechs Gruppen gebildet und zu den verschiedensten Themen rund um das Thema Arbeit aus dem Blickwinkel des Superheldentrainings mit der Entwicklung eigener Fragebögen, Hypothesen und Analysen geforscht für den Kurs von Prof Dr. Sabine Remdisch. Die Gruppe 6 bestehend aus Anissa Zerbe, Jann Christian Hegewald, Laura Windzio und Simon Head hat sich dem Thema Work Life Balance angenommen und wirklich spannende Erkenntnisse gewonnen, die ich jetzt vorstellen darf.

Drei Hypothesen und Studienablauf

Die Stichprobe für diese Untersuchung bestand aus 45 Personen, davon 32 weibliche und 13 männliche Teilnehmer im Durchschnitt 40 Jahre alt, aber es waren alle Altersgruppen vorhanden. An dieser Stelle vielen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unserer Superhelden-Mailingliste, die ich Anfang Dezember bis zum Januar angeschrieben habe und die freundlicherweise zahlreich teilgenommen haben. Natürlich stellt diese Erhebung keinen Anspruch an Repräsentativität, aber wichtig zu wissen: Unter den Befragten waren alle Arbeitsdimensionen dabei von Selbstständigen, Führungskräften, in Teilzeit Arbeitenden und in Vollzeit angestellt Arbeitenden. Die Befragung verfolgte vier übergeordnete Ziele:

  • Generationsspezifischen Verständnisunterschied ermitteln
  • Geschlechtsspezifischen Verständnisunterschied ermitteln
  • Korrelation mit Superheldentyp analysieren
  • Handlungsempfehlungen formulieren

Dafür wurde ein umfangreicher Fragebogen erarbeitet und die Ergebnisse wurden mit verschiedensten Techniken wie Likertskala, Subskala, dem Testen unterschiedlichster Items, einer Faktorenanalyse und einem Signifikanztest (T-Test) analysiert. Und das hier sind die Hypothesen, die Anissa, Jann Christian, Laura und Simon mit dem Fragebogen geprüft haben:

  1. Es besteht ein generationsbedingter Unterschied in der Einstellung zu Work-Life-Balance!
  2. Es besteht ein geschlechtsspezifischer Unterschied in der Einstellung zu Work-Life-Balance!
  3. Es besteht ein Unterschied zwischen den Teilzeit- und den übrigen  in der Einstellung zu Work-Life-Balance!

Zur ersten Hypothese könnte man polemisch fragen, ob ältere Befragte ein anderes, vielleicht tradiertes Verhältnis zu einer eventuell härteren Arbeitszeit und der Trennung von Beruf und Privatleben haben. À la: “Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps”. Die zweite Hypothese könnte doch auf die hierzulande immer noch stark zu spürende Trennung der Kindererziehung abzielen. Frauen könnten doch viel eher darauf aus sein, ihre Arbeitszeit und die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder auszubalancieren, oder? Und schlussendlich fand ich es sehr spannend zu fragen, ob zum Beispiel Führungskräfte oder Selbstständige eine unterschiedliche Einstellung zur Balance zwischen Work und Life haben. Ich war höchst neugierig, als die Vier ihre Ergebnisse präsentierten.

Relevanz des Themas

Doch bevor ich die Ergebnisse vorstelle, noch ein wichtiger Teil zur Einordnung des Begriffs Work Life Balance, den Anissa, Jann Christian, Laura und Simon in bester wissenschaftlicher Manier erarbeitet haben. Es gibt eine Studie zum Thema Work Life Balance von Stepstone aus dem Jahr 2013, hier sagen 83% der Befragten, dass sie eine gute Work-Life-Balance als wirklich wichtig erachten, um sich überhaupt wohlzufühlen am Arbeitsplatz. Doch 60% der Befragten sagen ebenfalls, dass sich ihr Berufsleben aktuell leider negativ auf ihr Privatleben auswirkt. Für mehr als jeden Zweiten der Befragten ist das Erreichen eines harmonischen Ausgleichs zwischen Beruf und Privatleben also nicht möglich. Wissenschaftlich gesehen ist der Begriff Work Life Balance zwar sehr populär, aber die Definition ist schwammig. Hierzu zitieren die vier die Definition aus Sue Campbell Clark’s Work Cultures and Work/ Family Balance aus dem Jahr 2001: “Work-Life-Balance is the satisfaction and good functioning at work and at home with a minimum of role conflict.

Laut Clark beinhaltet die Balance beider Dimensionen Work und Life also immer wieder einen Rollenkonflikt. Das Erreichen der Balance ist also gleichzusetzen mit möglichst wenig Konflikten der Dimensionen Work und Life untereinander. Es gibt in der Literatur viele weitere Wörter wie z.B. Work Life Conflict, Work Life Integration oder Work Life Interference. Diese Begriffe können allerdings irreführend sein, da sie alle gemein haben, dass sie Arbeit strikt von Privatleben trennen. Ich würde ergänzen, dass dies stark angezweifelt werden sollte in unserem digitalen Zeitalter, wo durch Home Office und fluide Erreichbarkeit die Grenzen längst verschwommen sind. Vielleicht ist dies ja schon ein Wink hin zu den Ergebnissen?

Warum Work-Life keine Balance braucht sondern Mündigkeit

Gleich das wichtigste Ergebnis vorweg: Keine der drei Hypothesen konnte bestätigt werden. Es ist also älteren und jüngeren Befragten, weiblichen und männlichen Befragten sowie selbstständigen, fest angestellten, in Führung arbeitenden und in Teilzeit arbeitenden Befragten gleichermaßen wichtig eine ausgewogene Balance der Dimensionen Work und Life zu haben. Aber es ist natürlich sehr interessant zu sehen, welche Schwerpunkte gesetzt werden in den Bereichen der abgefragten Maßnahmen zur Steigerung der Work Life Balance:

Wenn also Arbeitszeitgestaltung und Arbeitsplatzgestaltung als die wichtigsten Maßnahmen wahrgenommen werden, dann zahlt das meiner Meinung nach ganz klar auf das Ergebnis in Bezug auf die Hypothesen ein. Die Befragten wollen grundsätzlich mündig sein in der Wahl ihrer Arbeitsplatzes und ihrer Arbeitszeit. Angebote wie ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), Freizeitgestaltung vom Arbeitgeber oder Angebote für die Familien der Angestellten werden sehr deutlich sehr viel schlechter bewertet. Ich würde sogar die Vermutung anstellen, dass die Befragten Angebote wie vom Arbeitgeber organisierte Freizeitgestaltung eher als Einschränkung der eben genannten Mündigkeit wahrnehmen könnten. Weiterhin spannend sind die Top 3 der beliebtesten Angebote bezüglich der Stärkung der Work Life Balance:

  • Vertrauensarbeitszeit
  • Sabbaticals
  • Home Office Arbeitsplatz

Auch hier spielen wieder Arbeitszeit und Arbeitsplatz eine wichtige Rolle. Ich höre die Befragten förmlich sagen: “Hey Chef, lass mich doch arbeiten, wo ich will und wie lange ich will. Solange meine Ergebnisse stimmen!” Das ist durchaus logisch und zahlt wieder auf die Mündigkeit von selbstbewussten Karriere-Superhelden ein. Ein letztes spannendes Ergebnis zielt auf Maßnahmen wie das Betriebliche Gesundheitsmanagement. Auch wenn diese eher schlecht bewertet wurden, erfreuen sich einige Einzelmaßnahmen besonderer Beliebtheit:

  • Freistellung in Notfällen
  • Ergonomie am Arbeitsplatz
  • Kooperationen mit Fitness-Studios

Nur logisch, oder? Es geht um das selbst organisierte Fitnesstraining im Studio, mit Ergonomie am Arbeitsplatz sehe ich sofort den elektrisch höhenverstellbaren Arbeitstisch vor mir. Hierzu höre ich folgenden Satz: “Ich entscheide flexibel, ob ich im Sitzen oder im Stehen arbeite!” Und natürlich kann es nicht sein, das man wie ein artiger Angestellter Excel-Tabellen bearbeiten soll, wenn die Tochter mit Beinbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird. Für mich gilt hier, nicht die Realisierung von vorgegebenen Maßnahmen zur Work Life Balance sollte angestrebt werden, sondern die Mündigkeit des Mitarbeiters individuelle Vorlieben in Bezug auf Arbeitsplatz und Arbeitszeit auszudrücken und umzusetzen.

Ein Ausblick in die Zukunft der Work Life Balance

Zu guter Letzt haben Anissa, Jann Christian, Laura und Simon dann noch mit ihrer Befragung meiner Meinung nach einen Blick in die Zukunft der Balance von Arbeit und Leben geworfen. Denn es gibt auch ein Ergebnis zu innovativen Ideen zu Arbeitsmodellen, die die Mündigkeit unterstützen:

Der Begriff des Jobsharings, der Arbeit im Tandem, ist zwar schon älter, aber wird trotzdem als innovativ bewertet. Hierzu fällt mir sofort die Arbeit von Jana und Anna von Tandemploy ein, die ich mit meinem ffluidcast portraitiert habe. Wesentlich neuer ist die Vorstellung des Elternkind Zimmers und diese zahlt meiner Meinung nach auch wieder auf die Mündigkeit der Arbeitszeitgestaltung ein. Die Erzieher oder Lehrer streiken mal wieder? Kein Problem, wenn der Arbeitgeber die spontane Mitnahme der Kinder an den Arbeitsplatz unterstützt. Der Begriff des Vertrauensurlaubs ist dann eine wirklich innovative Erhöhung der Mündigkeit der Arbeitnehmer. Aber warum sollte man nicht auch seinen Urlaub flexibel und individuell planen? Wenn sich arbeitsintensive Zeiten wo man keinen Urlaub nehmen kann, ablösen mit der Möglichkeit vier Wochen am Stück richtige Erholung zu bekommen, ist das nur das logische Weiterdenken von Balance und Flexibilität.

Für mich sind diese Ergebnisse wirklich spannend und wegweisend. Der Appell an alle Karrieresuperhelden ist natürlich ein aktivierender. Die Bewertung der Maßnahmen zu Arbeitsplatz und Arbeitszeit der Teilnehmer der vorliegenden Befragung kann als Inspiration dienen für die eigene Karriereplanung. Es gilt die eigene Mündigkeit in Bezug auf die persönliche Vorstellung von Work Life Balance zu finden, dafür klar einzustehen und diese auch zu verteidigen.

Share Post :

More Posts

Leave a Reply