Berufseinstieg auf Teilzeit: Einstellungssache oder Karrierekiller #1?

«Das kannst Du doch nicht bringen?! Du bist Berufseinsteigerin, da denkt doch gleich jeder Du wärst zu faul zum Arbeiten. Wenn Du so anfängst, bekommst Du nie eine Stelle! Wer stellt denn schon so jemanden ein…» Ein verständnisloser und vorwurfsvoller Blick. Die Augenbrauen hochgezogen. Dann schüttelt meine Mutter bloß den Kopf, dreht sich um und sagt beim Weggehen: «Ach, ihr macht doch heute sowieso alle das, was ihr wollt.»

Ihr, damit ist die «Generation Y» gemeint. Junge Männer und Frauen, die wie ich zwischen 1980 und 1999 geboren wurden. Für manch einen sind wir weltfremde, arrogante Träumerinnen und Träumer, die alles besser wissen und lieber die Welt bereisen als zu arbeiten. Für andere treiben wir, sponsored by Mama und Papa, mit unseren unverschämten Forderungen nach Work-Life-Balance die Deutsche Wirtschaft in den Ruin.
Der obige Dialog zwischen Mutter und Tochter ist fiktiv. Denn ganz ehrlich gesprochen krampft sich mir allein bei der Vorstellung, meinen Eltern von meinen «Teilzeithirngespinsten» zu erzählen, alles zusammen. Und tatsächlich durchziehen würde ich es vermutlich auch nicht. Mehr als das, ich verbiete es mir: zu realitätsfremd, zu unsicher und Karrierekiller Nummer eins. Und mit dieser Denke bin ich nicht alleine. Immer mehr Menschen – auch außerhalb der Generation Y – sehnen sich nach einer Teilzeitstelle, die ihnen ein Leben neben der Arbeit ermöglicht. Aber warum verbieten sich die meisten dennoch, es auch einzufordern? Und könnte sich ein Berufsstarter/in, wie ich, direkt für eine Teilzeitstelle bewerben, oder muss man sich das erst «verdienen»?

 

Lebenswerte: Warum wir in Teilzeit leben und arbeiten wollen

Die Wirtschaftskrise in den USA und Europa hat sehr deutlich vor Augen geführt: materieller Reichtum ist vergänglich. Sicherheit und Stabilität, egal ob in Form von unbefristeten Arbeitsverträgen oder durch eine erworbene Immobilie, sind Trugbilder, die uns erfolgreich verkauft werden und auf denen wir uns viel zu gerne ausruhen. Der perfekte, lückenlose Lebenslauf, das schicke Loft im 16. Stock und ein überdurchschnittliches Gehalt alleine machen nicht glücklich. Das kann der eine oder andere gut im Kreise der Familie oder Freunde beobachten und miterleben. Daraus resultiert, dass der «Workaholic» heute längst kein erstrebenswerter Werdegang mehr ist. Ziel und Trend heute: «Downshifting». Das Leben selbst bestimmen, ausbalancieren, erfüllen, entschleunigen; es lebenswerter machen. Wer es schafft, die Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden, seinen Leidenschaften und Hobbies nachzugehen, oder sie gar zum Beruf zu machen, erzielt damit den absoluten Homerun. Denn Zeit, anders als Geld, kann einem keiner nehmen. Und die Aussicht, als unfreiwilliges Mitglied der Generation Y bis mindestens 67 (oder eher 70) arbeiten zu müssen, unterstützt diese Haltung. Wir wollen nicht leben um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben.

Der demographische Wandel spielt der Generation Y bei der individuellen Lebensgestaltung eigentlich ganz gut in die Karten. Denn gut ausgebildete Berufseinsteiger sind rar und genießen damit eine selten dagewesene Marktmacht auf Seiten der Arbeitnehmer. Dennoch trauen sich nur wenige ihre Wünsche zu äußern und beim Arbeitgeber einzufordern. Dabei ist es ihr gutes Recht. Laut dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (2001) hat jeder Arbeitnehmer, der sechs Monate in einer Organisation mit mindestens 15 Mitarbeitern arbeitet, ein Recht auf Teilzeit. Es steht außer Frage, dass sich dieses Gesetz in manchen Branchen leichter umsetzen lässt als in anderen. Auch gibt es keine Garantie dafür, später in Vollzeit zurückkehren zu dürfen und kann «aus betrieblichen Gründen» abgelehnt werden. Und dennoch ist es häufig eine Frage der Einstellung. Insbesondere Berufe, die Nachtschichten und Überstunden mit sich bringen (z.B. Krankenschwestern, Pfleger, aber auch Führungspositionen) gelten bei vielen bis heute als Teilzeit-unfähig. Diesbezüglich könnte man sich gut eine Scheibe von den Niederländern abschneiden, den europäischen Teilzeit-Vorreitern. Die zeigen nämlich, dass es auch anders geht – sehr gut sogar. Seit der Verabschiedung eines neuen Gesetzes vor wenigen Jahren arbeitet dort nämlich beinahe jeder Pfleger und jede Krankenschwestern in Teilzeit. Einstellungssache eben.

 

Nicht jeder will – oder kann – Teilzeit

Bevor man sich für den Schritt in die Teilzeit entscheidet, sollte man sich zunächst auch mit möglichen Risiken gründlich auseinandersetzen.

Diese «Risiken» der Teilzeit sind selbstverständlich Ansichtssache. Manch einer ist ganz froh über weniger Kontakt mit den Kollegen. Für andere spielen Gehalt oder Aufstiegsmöglichkeiten eher eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich hierbei mehr um eine Anregung für Gedankengänge, die Ihr durchspielen solltet, wenn Ihr Euch mit dem Thema auseinandersetzt. Und ihr solltet sie gegen die Vorzüge der Teilzeit abwägen. Eine bei mir persönlich sehr beliebte Methode, um wichtige Entscheidungen zu treffen, ist die Nutzwertanalyse. Dabei schreibt man zunächst für jede Entscheidungsmöglichkeit eine eigene Pro und Contra Liste. Anschließend wird jedes einzelne Kriterium auf beiden Seiten, bei allen Alternative, für sich und im Vergleich betrachtet und erhält eine Gewichtung. Dabei könnt Ihr zum Beispiel im Vorwege festlegen, dass 1 = eher unwichtig und 5= sehr wichtig bedeutet. Am Ende werden die Punkte zusammengezählt – auf der Pro-Seite addiert, auf der Contra-Seite subtrahiert – und die Alternative mit der höchsten Punktzahl gewinnt. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

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Nutzwert Analyse: Pro-Contra-Liste für Teilzeit vs. Vollzeit

 

Teilzeitarbeit ist immer noch Teamarbeit

«Was machen Sie denn mit der ganzen freien Zeit?» oder «Du hast das gut» bekommen viele Teilzeitler sicher das ein oder andere Mal vom Chef oder den Kollegen zu hören. Insbesondere junge, ungebundene Arbeitnehmer in Teilzeit, ohne Kinder oder kranke Angehörige, stoßen laut Kristin Kruthaup (Spiegel Online Karriere) speziell bei den älteren Kollegen auf Unverständnis oder Neid. Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, ist konstant präsent. Das geht sogar so weit, dass es vielen Teilzeit-Arbeitnehmer schwer fällt, sich Freunden und der Familie gegenüber zu ihrer gesellschaftlich betitelten «Krankheit» oder «Sünde» Teilzeit zu bekennen. So wie ein 28-jähriger Kommunikationswissenschaftler, der davon überzeugt ist, dass sein Chef «es bestimmt nicht gerne sehen [würde], wenn ich öffentlich von meinem freien Tag schwärme. Vielleicht denkt der dann, dass ich faul bin» (DIE ZEIT).
Es ist traurig, dass die wenigsten verstehen, dass Teilzeit alles andere als Faulheit impliziert. Die meisten jungen Menschen sind motiviert und hungrig darauf, ihr Können und Wissen gewinnbringend und effektiv im Sinne des Unternehmens einsetzen zu dürfen. Die «freie» Zeit wird nicht zum Faulenzen, sondern für soziale, regenerierende und weiterbildende Aufgaben genutzt. Ich arbeite zum Beispiel in einer sehr dynamischen, sich schnell verändernden Branche. Als New Media Data Analyst und digitaler Copywriter muss ich mich kontinuierlich darum bemühen, auf dem Laufenden zu bleiben, um ja keine Trends oder Verhaltensveränderungen der User zu verpassen. Daher nehme ich mir aktuell (noch als Freelancerin) bewusst Zeit für Fortbildungen und mache Online Kurse im Bereich Social Media Analytics, Big Data, Creative Writing, oder versuche mich an «Python». Wenn ich merke, dass es doch mal wieder irgendwo zwickt und der Nacken durchgehend verspannt ist, schnappe ich mir statt Laptop meine Yogamatte oder Boxhandschuhe – je nach Bedarf – und widme meinem Körper und meiner Gesundheit etwas mehr Aufmerksamkeit. Leider etwas zu selten, aber immer wieder Wunder bewirkend ist ein Ausflug in die Natur, um den Kopf freizukriegen. Oder einfach mal wieder die Zeit nehmen für ein bewusstes und ausgiebiges Telefonat mit Familie und Freunden. Ganz egal was oder wie, die Nutzung der selbstbestimmten Stunden ist vielfältig und kommt immer dem Job zu Gute. Denn wer sich Zeit nimmt zum Erholen, und sich um Körper und Seele bemüht, ist seltener krank, freier im Kopf für neue, innovative, kreative Ideen, produktiver am Arbeitsplatz und auch belastbarer.

Boxen_Laptop
Work-Life-Balance: Freizeit vs. Arbeitszeit

Um die Zusammenarbeit mit den Kollegen und dem Chef nicht zu gefährden und eine kollegiale Atmosphäre im Büro zu schaffen, gibt es ein paar Handlungsempfehlungen, die die Zusammenarbeit vereinfachen. Als Berufseinsteiger werde ich nicht direkt im Bewerbungsgespräch die TZ-Karte ziehen. Stattdessen plane ich, mir für die nächsten 2-3 Jahre zunächst einmal ein Vollzeit-Bild von meinem Unternehmen und den Aufgaben zu schaffen. Das hat nichts damit zu tun, sich beweisen zu müssen, sondern hat einen recht praktischen und simplen Hintergrund: es vereinfacht die Einarbeitungsphase. So können eventuelle Fragen und Unsicherheiten direkt vor Ort beantwortet werden, Kunden vorbereitet und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Kollegen aufgebaut werden. Das Ziel hierbei – und auch eine der Ursachen für den vermehrten Wunsch nach Teilzeit: einfach auch mal tatsächlich «nur» solange arbeiten, wie es im Vertrag vereinbart wurde. Wie herrlich wäre es zum Beispiel, wenn speziell Berufseinsteiger, fernab der Angst des Scheiterns oder des sich nicht ausreichend beweisen könnens, sich einfach mal and die 38-40 Stunden Woche hielten. Denn so war es schließlich vereinbart. Und auch nur dafür wird man bezahlt. Das hat rein gar nichts damit zu tun, um 18 Uhr den Stift fallen zu lassen, oder 8 Stunden am Tag auf der faulen Haut zu liegen und Zeit abzusitzen (ein Thema für sich). Es geht lediglich darum, sich selbst faire Arbeitsbedingungen zu schaffen oder einzufordern. Wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, dass man doch in Teilzeit gehen möchte, kann diese Entscheidung ganz offen mit allen Betroffenen kommuniziert und gemeinsam mit dem Chef ein Plan ausgearbeitet werden, an welchen Tagen man wann und wie lange vor Ort beziehungsweise erreichbar ist. Bei wichtigen Meetings entweder im Vorwege darauf achten, dass sie an den Tagen stattfinden, wenn man auch im Büro ist, oder sonst auch mal eine Ausnahmen machen und außerplanmäßig für ein paar Stunden im Büro erscheinen, oder per Videocall erreichbar sein.

 

Letztendlich ist es eine Win-Win Situation

Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit. Laut den Ergebnissen von mehr als 200 Studien, die von der Wirtschaftswissenschaftlerin Jutta Rump über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt wurden, bedeutet Teilzeit für die meisten gar keine 50-Prozent-Stelle. Viel beliebter, insbesondere bei Berufseinsteigern, sind 70- bis 90-Prozent-Stellen. Meine Schwester und Schwager beispielsweise arbeiten 82 beziehungsweise 85 Prozent. Dadurch ist jeder jeweils einen Tag in der Woche Zuhause, an dem er sich um die gemeinsame 3-jährige Tochter kümmern kann. An den übrigen 3 Tagen geht die Kleine in den Kindergarten. Wenn Ihr plant, Euch auf eine Teilzeitstelle zu reduzieren, guckt Euch die verschiedenen Modelle genau an und überlegt, welche für Euch in Frage kommen und welche nicht. So geht ihr nicht nur vorbereitet und professionell in das Gespräch mit dem Chef rein, sondern bietet ihm/ihr auch noch Auswahlmöglichkeiten. Teilzeit ist mehr als ein verkrüppelter Festvertrag ohne Perspektiven, Karrierechancen, oder Weiterbildungsmöglichkeiten. Auch Eigeninitiative und Verantwortung schließen Teilzeit nicht aus. Wie viel mehr bringt eine Arbeitskraft, die sowohl mental gefestigt von dem freien Nachmittag mit der Familie, körperlich gestärkt nach dem Kickboxtraining, oder um neues Wissen bereichert nach der Programmierfortbildung ins Büro zurückkommt? Teilzeit ist eine Win-Win Situation, eine Chance, die ergriffen werden sollte anstatt sie in einer unendlichen Debatte über die angebliche Faulheit einer Generation, die nichts weiter wünscht als die Vereinbarkeit von Beruf und Privatem, ersticken zu lassen. Immerhin leben wir nur ein Leben.

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