Das Leben ist wie Life-Coaching, nur krasser

Gestern hatte ich mal wieder eine sehr angeregte Unterhaltung mit einem alten Bekannten, dem Antagonisten in mir. Es ging – wie so oft – um die Themen Berufseinstieg, freie Zeiteinteilung und Work-Life-Balance, Erwartungen und Gesellschaftsbilder, und ums Scheitern. Das Kopftheater wurde getriggert durch ein neues Jobangebot, ein Angebot mit mehr Verantwortung als erwartet, einem höheren Gehalt als erwartet, aber eben auch einem höheren Risiko des Scheiterns als erwartet. Ich soll den Kollegen Handlungsempfehlungen geben – zu jung! Ich soll Expertin für ein bestimmtes Gebiet werden – viel zu unerfahren! Und zu guter Letzt: Wenn ich scheitere, ist mein Ruf in der Branche für immer ruiniert!

Egal ob im Beruf oder im Privatleben, jeder von uns kennt und hat sie, diese Dialoge mit dem inneren Antagonisten. Das faszinierende daran ist, obwohl sie jeder kennt, haben viele das Gefühl sie wären die einzigen Leidtragenden, fühlen sich alleingelassen und unverstanden. Anstatt sich im inneren Freundes- oder Bekanntenkreis über ähnliche Erfahrungen oder gar gut gemeinte Ratschläge auszutauschen, geht der erste Schritt häufig in Richtung Google. In unserer Wissensgesellschaft 4.0 wird nämlich nicht mehr analog gefragt, sondern digital getippt. Und siehe da: Man ist gar nicht so alleine wie man dachte!

 

Life-Coaching für Dummies

Ich spreche aus Erfahrung. Vor einigen Wochen bin auch ich im World Wide Web auf die Suche nach lebensverändernden Tipps im Umgang mit meinem inneren Antagonisten gegangen und dabei auf eine unendliche Anzahl Life-Coaching Seminare und Bücher gestoßen: «Life-Coaching für Dummies», «Aufbruch zum Durchbruch», «Die 4-Stunden Woche». Richtig überzeugt hat mich weder das eine, noch das andere. Zugegeben, ich bin kein Typ für Chakren und Auren. Andere Bücher waren mir wiederum zu platt oder zu Verschwörungstheorien-lastig. Aber richtig schön schmunzeln musste ich, als ich das hier las:

«Finde heraus, was Deine Superkräfte sind, was du wirklich, wirklich tun willst und wie Du deine Kräfte aktiv in die Welt bringst.»

Das hat gesessen. Ich bin ein sehr humorvoller Mensch. Wer mich zum lächeln oder gar lachen bringt, hat bei mir direkt einen Stein im Brett. Und wer wollte nicht schon einmal ein Superheld sein? So kam es also, das ich Teilnehmerin des Digitalen Superhelden Trainings (DSHT) wurde. Über neun Wochen hinweg bekam ich jeden Sonntagmorgen eine Mail mit Erfahrungsberichten, Tipps und einer Hausaufgabe in mein Postfach geschickt. Es wurde schnell klar, dass es hier nicht darum ging, das Fliegen zu lernen, oder durch Wände zu gehen. Sondern dass ich aktiv und selbstständig ins Tun kommen muss, damit sich der Erfolg einstellen kann. Ich halte die Zügel in der Hand. Eine meiner absoluten Lieblingsaufgaben – ich bitte an dieser Stelle über meine im Kindergarten stehen gebliebenen, zeichnerischen Fähigkeiten hinweg zu sehen – war die persönliche Superheldengeschichte.

SHT2_Superheldengeschichte
Julias Superheldengeschichte #lifechanging

Das Ziel: alle Ereignisse freudiger Vollendung aus Kindheit und Jugend illustrieren. Ja, es ist ein sehr spezielles Maple Leaf geworden… Aber darum ging es nicht. Sondern darum zu erkennen, welche Dinge mir in der Kindheit schon Spaß und Freude gebracht haben UND in denen ich gut war. Schockierend, wie man dazu neigt solche Ereignisse gezielt zu verdrängen. Ich musste ganz schön in meinen Erinnerungen (und Fotoalben) wühlen. Das Resultat: Ich liebe (!) es zu Tanzen und zu Singen, scheue mich nicht vor Herausforderungen oder fremden Ländern und stand schon immer gerne auf der Bühne, egal ob künstlerisch oder in Präsentationen.

 

Do Sine Ut Des: Die Kunst des Großzügigseins

Meine erste Reaktion ein paar Wochen später auf Superhelden Regel Nummer 7 war dagegen weniger erfreulich und im ersten Moment empört:

«Verschenke was Du weißt und verdiene mit dem was Du kannst.» – Kerstin Hoffman («Prinzip Kostenlos»)

Für eine Erklärung muss ich etwas ausholen. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Der Slogan «Wissen ist Macht» wurde mir schon in der Schule eingetrichtert. Im Bachelor Studium ging es dann weiter: “Wir bilden Euch hier zu hoch qualifizierten Medienexperten aus. Das Wissen, das ihr hier anreichert, wird später ein sehr rarer und gefragter USP für euch sein.” So, so. Die finanzielle Zukunft war also gesichert. Denkste. Denn Wissen alleine macht weder reich, noch mächtig. Die Digitalisierung hat nicht nur die Berufswelt, sondern auch die Ansammlung von Wissen revolutioniert. Wenn wir etwas wissen wollen, fragen wir nicht, sondern googlen. Die Alternativen und Möglichkeiten sind endlos und stehen meist kostenlos irgendwo zur Verfügung. Wozu also Geld für Wissen ausgeben, wenn es immer irgendjemanden gibt, der es umsonst anbietet? Selbst meine Freunde fragen lieber das Internet, folgen wildfremden Menschen auf Facebook, Twitter und Instagram, abonnieren Blogs, oder stellen ihre Fragen in irgendwelchen Foren statt im Freundes- und Bekanntenkreis um Rat zu fragen. Auch mit meinem Social Media Wissen kann ich längst nur noch bei den Großeltern punkten. Jeder will auf einmal wissen, was auf Facebook und Co. wirklich funktioniert, welche Privatsphäre-Einstellungen man braucht, dass man sich Text sparen kann und nur noch Videos angesagt sind… Ach ja, Facebook ist ja eigentlich out, Twitter funktioniert in Deutschland nicht und Marketing läuft eh nur noch erfolgreich via Instagram und Snapchat. Da scheint diese groß angepriesene Wissensanreicherung auf einmal völlig wertlos. Und dann diese Regel:

«Verschenke was Du weißt und verdiene mit dem was Du kannst.»

Ja nee, ist klar! Nicht, dass mein Wissen eh schon offensichtlich (finanziell) nichts mehr wert ist, jetzt soll ich es auch noch verschenken?! Etwas skeptisch widmete ich mich dennoch meiner Wochenaufgabe mit der Überschrift «Verschenke Dich» und dem Ziel, ein Großzügigkeitsjournal zu erstellen. Darin solle man abends für jeden Tag eine Sache notieren, bei der man großzügig gewesen sei. Das beginnt bei den kleinen Dingen, wie einer älteren Dame die Einkäufe in die Wohnung hochtragen (eine Fähigkeit, die in jedem jungen und gesunden Menschen steckt), bis hin zum Verschenken meiner Superkräfte. Und genau da lag der Clou. Der ersten Teil fiel mir nicht allzu schwer. Es hat mich sehr gefreut, mich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren, wie der jungen Mutter den Kinderwagen die Treppen zur U-Bahn runter zu tragen, oder einem kleinen Kind dabei zu helfen, seine Mama im Supermarkt wiederzufinden. Nach Tag 4 wurde ich jedoch merklich nervös. So langsam sollte ich mir überlegen, welche Superkraft ich verschenken kann. Also konzentrierte ich mich auf die individuelleren Fähigkeiten, wie Sprache und Schreiben. Das sind Dinge, die ich kann UND die mir Spaß machen. So las ich unter anderem Korrektur für das Bewerbungsanschreiben einer Freundin. Dafür bekam ich auch gleich sehr positives Feedback: «Toll, vielen Dank für deine Hilfe! Du kannst echt schön schreiben. Ich wünschte, ich könnte das auch.» Dann half ich meiner Mutter dabei, ein paar Menükarten am Computer zu designen. Das Ergebnis war dabei nebensächlich, auch wenn es gut ankam. Viel entscheidender aber war die Tatsache, dass ich ihr dadurch viel zusätzliche Arbeit abnehmen und sie sich den Kampf mit dem PC (das ist einfach nicht ihr Element) ersparen konnte. So konnte sie sich auf ihre, und ich mich auf meine Superkräfte konzentrieren.

Aus dieser Aufgabe habe ich zwei sehr entscheidende Dinge gelernt. Erstens: Großzügigkeit ist selbstlos und erwartet keine Gegenleistung. Im Lateinischen gibt es das Sprichwort «Do ut des» – Ich gebe, damit du gibst – eine Rechtsformel, die nicht nur im römischen, sondern auch im deutschen Rechtssystem fest verankert ist (§320 BGB). Das Geben-und-Nehmen Prinzip eben, das wir alle in uns haben, und trotzig einfordern, wenn wir das Verhältnis als unfair oder unausgeglichen empfinden. Ein Superheld strebt jedoch nach «Do sine ut des» (man möge mir verzeihen, falls die Grammatik dem Lateinischen unwürdig ist – der Lateinunterricht ist doch etwas länger her) = Ich gebe, ohne dass du gibst. Ohne eine Gegenleistung von Dir zu erwarten.
Die zweite Erkenntnis war, dass nicht mein Wissen allein von (finanziellem) Wert und Macht ist, sondern das was ich daraus mache. Das Know-How, gewusst wie; wie ich es anwende und umsetze – eine klare Makerin* eben. Dr. Simone Weissenbach zum Beispiel ist überzeugt, wer sein Wissen großzügig teilt, investiert in seine Zukunft. Indem ich das, was ich weiß, verschenke (z.B auf einem Blog), beweise ich Lesern und potenziellen Kunden mein Können (Huffington Post). Würde also jemand meine Skills buchen, weiß er bereits was er oder sie erwarten darf und ich spare mir das Pingpong-Spiel bei den Budgetverhandlungen.

 

Dein Leben ist wie Life-Coaching, nur eben krasser

Das Problem mit den meisten Life-Coaches und Beratern ist, dass sie zu Beginn ihrer Karriere vor allem sich selbst beraten. Zu oft hat eine Unzufriedenheit im Job oder im Privatleben nach einem radikalen Change geschrieen, es wird ein Life-Coaching Seminar aka. Selbsthilfegruppe besucht und anschließend fühlt sich der Betroffene erhört, verstanden und erlöst. Und dann kommt der entscheidende und fatale Moment, in dem die Entscheidung getroffen wird: «Das kann ich auch! Ich schreibe ein Buch und helfe anderen, so wie mir geholfen wurde.» So hängen wir fest in diesem ewigen Teufelskreis der Berater-Berater. Laut Uta Glaubitz neigen besagte Coaches dazu, die Probleme ihrer Teilnehmer mit autosuggestivem, positivem Denken zu lösen. Womit wir wieder bei den inneren Dialogen angekommen wären, die wir doch eigentlich verlassen wollten, statt uns in ihnen zu suhlen. Ja, auch beim DSHT mussten ich mich als Teilnehmerin den inneren Dialogen und Vergangenem stellen. Doch es ging einen Schritt weiter: ich habe Werkzeuge an die Hand bekommen, um meine Geschichten und Dialoge in Handlungen umzuwandeln. Die fluide Karriere beinhaltet nämlich nicht nur das Wissen über die eigenen Fähigkeiten, sondern auch das Know-How, wie und für wen man bereit ist, diese Fähigkeiten einzusetzen.
Ich arbeite ich in einem selbst für die digitale Branche recht neuem Gebiet, New Media Data Analytics. Insbesondere beschäftigt uns die Frage, wie man aus quantitativen Insights durch entsprechend umfangreiche Analysen mit entsprechenden Tools qualitative Handlungsempfehlungen geben und Content kreieren kann. Wie und in welcher Form ich mein theoretisches Wissen sowie praktische Erfahrungen aufbereiten und mit der Welt teilen kann (und darf), weiß ich noch nicht. Aber zumindest weiß ich jetzt, welche Superkraft ich bereit bin zu verschenken, und mit welcher zu verdienen.

 

* Das Ergebnis meines Superhelden-Tests war Teilzeit-Makerin & Freelancerin mit Kämpferenergie.

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